„Meine Katzen tragen es mit Fassung“ - Berliner Morgenpost

2023-03-08 16:22:31 By : Mr. David Zhao

Die 12 Geschworenen: Die Leserjury der Berliner Morgenpost auf dem Roten Teppich des Berlinale-Palasts.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service

Freunde schmollen, Schwestern packen Lunchpakete: Die Leserjury der Berliner Morgenpost erzählt, wie sie die Festivaltage erlebt.

Auf dem Weg zur Berlinale war Fahrkartenkontrolle in der U-Bahn. Katja Techritz-Stocking zeigte ihre Karte. Der Kontrolleur musste sie darauf hinweisen, dass dies kein Fahrschein sei. Sie hielt ihre Berlinale-Akkreditierung vor. Die 40-Jährige ist eine der zwölf Geschworenen der Leserjury der Berliner Morgenpost, die die Filme des Wettbewerbs verfolgt, um am Ende den Publikumsfavoriten zu küren. Da ist dieser Jury-Ausweis um den Hals das Sesam-öffne-dich, das Vorzeigen ein Reflex. „Du hast das ja durch und durch verinnerlicht“, lacht Harald Günther (68).

Elf Tage lang sind die acht Jurorinnen und vier Juroren im Ausnahmezustand. Sie haben sich schon vorab einmal getroffen, zum Kennenlernen. Jetzt sitzen sie meist zusammen im Kino. Die zuerst kommen, halten den Platz für die anderen frei. Auch so entsteht Teamgeist. Und zwischen den Filmen kann man herrlich miteinander diskutieren. Wobei die Meinungen oft ganz schön auseinandergehen. Wir treffen uns mit ihnen zwischen zwei Wettbewerbsfilmen auf ein Heißgetränk. Wobei man echt schnell sein muss, um mit zwölf Personen einen Platz in einem Café an dem (zumindest an Berlinale-Tagen) belebten Potsdamer Platz zu ergattern.

Am Tag vor Festivalstart gab es erst mal einen kleinen Schock. Seit diesem Jahr muss man Berlinale-Tickets vorab online buchen. Das hat aber anfangs nicht funktioniert, offensichtlich war die Jury nicht richtig freigeschaltet. Da war der Frust groß. Nach zwei Stunden ging aber alles reibungslos, seither heißt es dreimal täglich ins Kino gehen, morgens, mittags, abends. Und wer noch Lust und Zeit hat, kann auch in andere Sektionen neben dem Wettbewerbs reinschauen.

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„Welch ein Privileg“, schwärmt Doreen Genzel (49): „nur ins Kino zu gehen, nicht arbeiten zu müssen, sich keine Gedanken machen zu müssen, einfach von einem Film in den nächsten zu spazieren.“ Und Orietta Angelini (74) pflichtet bei: „Ein tolles Erlebnis. Das muss man einmal im Leben gemacht haben.“

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Nach einer Woche gibt es erste Anzeichen des Schwächelns. „Wenn ich abends heimkomme, kann ich nicht gleich ins Bett“, meint Meike Hilbring (52): „Das arbeitet noch in mir. Die Schlafenszeit ist entsprechend kurz.“ Holger Beisitzer (47) und Johannes tom Dieck (46) schwören auf ein Mittagsschläfchen zwischendurch. Claudia Nievert hat dieses Glück nicht. Sie kommt aus Schöneweide und muss jeden Tag eine Stunde hin- und zurückfahren. „Ich wundere mich aber, wie gut ich morgens hochkomme.“ Und Petra Luber (58) läuft nun erst zu voller Form auf: „Ich schaffe jetzt noch einen Film extra zum Programm.“

Und wie steht es mit der Familie? Macht die den Ausnahmezustand mit? Ja, da ist viel Beistand. „Ich bin seit 20 Jahren zur Berlinale im Ausnahmezustand“, sagt Johannes. „Das ist bekannt und wird unterstützt. Und die Kinder fragen interessiert, welche Filme ich sehe.“ Ihre Zwillingsschwester packt Katja sogar täglich neue Lunchpakete. Und Haralds Frau schickt immer SMSe: „Soll ich dir heute abend noch was kochen? Bist du da?“

Holger hat gerade erst jemanden kennengelernt. Und es sorgt für Verwunderung, dass Filme mal wichtiger sind als der Partner. „Aber das ist ja auch Teil des Kennenlernprozesses.“ Und Claudia gibt zu: „Mein Freund sitzt in seiner Wohnung und schmollt. Er wird mich in einer Woche wieder in die Arme nehmen dürfen, vorher läuft halt gar nichts. Auch meine Katzen tragen es mit Fassung.“

Derzeit sind die Zwölf eben als Team unterwegs. Sie sitzen nicht nur im Kino, sondern spicken auch mal in die Pressekonferenzen mit den Stars hinein. Und fotografieren sich gegenseitig. Doreen hat auch Autogramme ergattert. Und Katayun Pirdawari (60) hat sogar ein Foto mit der iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani bekommen, die neben Kristen Stewart in der Internationalen Jury sitzt. Also quasi Jurorinnen untereinander.

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