„Seid mutig und erhebt eure Stimme“: Ordensoberin aus Schlehdorf über die Rolle der Frau in der Kirche

2023-03-08 16:32:37 By : Ms. Sela Zuo

Am 8. März ist Weltfrauentag. Der Tölzer Kurier hat sich zu diesem Thema mit der Ordensoberin des Klosters Schlehdorf unterhalten, Schwester Francesca Hannen. Die 58-jährige Missionsdominikanerin ist auch im Leitungsteam ihrer Ordensgemeinschaft und hält sich zurzeit in Johannesburg auf.

Schlehdorf/Johannesburg – Seit elf Jahren ist Schwester Francesca Hannen die Provinzoberin, also die Leiterin, der Missionsdominikanerinnen im Kloster Schlehdorf. Die 58-Jährige ist zudem im Leitungsteam ihrer Ordensgemeinschaft, deren Hauptsitz sich in Südafrika befindet. Dort, genauer gesagt in Johannesburg, hält sich Sr. Francesca derzeit zu einer mehrwöchigen Teamklausur auf. Am Telefon sprach sie mit unserer Zeitung über den Weltfrauentag aus ihrer Sicht als Ordensfrau und über die Rolle der Frau in der katholischen Kirche.

Sr. Francesca, welche Bedeutung hat der Weltfrauentag für Sie?

Für mich und meine persönliche Entwicklung ist der Weltfrauentag heute wichtiger als vor 15, 20 Jahren. Ich sehe mehr und mehr, dass wir Frauen – und damit meine ich nicht nur uns Ordensfrauen – in der Kirche unsere Stimme erheben sollen. Wir haben uns viel zu lange zurückgehalten, etwa bei der Aufarbeitung zum Umgang mit sexuellem Missbrauch oder zur Frage der Priesterschaft der Frau.

Wie meinen Sie das in Bezug auf sexuellen Missbrauch?

Der Umgang innerhalb der Kirche hat offengelegt, dass es hier auch um strukturellen Machtmissbrauch geht, um viele verkrustete Strukturen. Man fragt sich: Wie konnte das alles geschehen? Die Kirche hat hier eine doppelte Pflicht zur Aufarbeitung. Gott sei Dank ist der moralische Druck auf die Kirche so groß geworden, dass es kein Zurück mehr gibt.

Was halten Sie vom Synodalen Weg?

Durch diesen Weg verändert sich gerade etwas. Es gibt viel mehr Theologinnen, die ihre Stimme erheben und bekannter werden. Durch die Krise, durch die die Kirche gerade geht, entsteht Neues. Selbst Frauen, die im kirchlichen Dienst tätig sind, trauen sich jetzt viel mehr als früher, zu sagen, sie würden sich gerne zur Priesterin weihen lassen.

Wie lange, glauben Sie, wird es noch dauern, bis der Papst das genehmigt?

Ich hoffe, dass es nicht länger als zehn Jahre dauern wird. Vielleicht braucht man dafür auch einen neuen Papst. Franziskus hat in der Kurie viel Gegenwind. Auch wenn es für den Vatikan schwierig ist, man kann jetzt nicht mehr zurück. Man muss nach vorne schauen. Allerdings hoffe ich, dass diese Frage nicht zu einer Abspaltung innerhalb der Kirche führt. Das wäre schlimm.

Was spricht dafür, dass auch Frauen ein Priesteramt ausführen können?

Die theologischen Begründungen sind aus meiner Sicht wissenschaftlich nicht haltbar. Es ist erwiesen, dass einige Textstellen aus der Bibel falsch übersetzt sind. Unser Dominikaner-Orden zum Beispiel betitelt Maria Magdalena als „Apostelin der Apostel“. Sie war die Erste, die den auferstandenen Jesus sah, und den Jüngern davon berichtete. Und auch in der Apostelgeschichte ist von einigen Frauen die Rede, die eine Gemeinde geleitet haben.

Mal angenommen, Frauen könnten zur Priesterin geweiht werden. Würden sie diese Rolle so ausfüllen wie Männer?

Vor rund 20 Jahren hat sich eine Mitschwester in Südafrika zur Priesterin weihen lassen und das nicht mit der Ordensleitung kommuniziert. Letztlich führte es dann dazu, dass sie den Orden verlassen hat. Heute ist sie Bischöfin und sagt, sie würde diesen Schritt so nicht mehr vollziehen, weil man das Priesteramt nicht einfach von Männern kopieren kann. Man muss darüber diskutieren, wie weibliches Priestertum gestaltet werden soll. Diesen Gedanken kann ich gut nachvollziehen. Es geht darum, authentisch zu sein, und nicht darum, Strukturen zu kopieren. Wenn wir über die Frage nach der Priesterweihe für Frauen sprechen, müssen wir auch darüber sprechen, welches Gesicht wollen Priesterinnen diesem Amt geben. Das ist eine sehr spannende Frage. Übrigens, was mir besonders gefällt, ist die Tatsache, dass der Weltgebetstag der Frauen und Weltfrauentag so nah zusammen liegen.

Beim Weltgebetstag der Frauen (3. März, Anm. d. Red.) steht ja immer ein Land im Mittelpunkt, und dabei geht es um die Kraft der Frauen dort. In kirchlichen Kreisen erfährt dieser Tag eine große Resonanz. Außerdem ist es eine ökumenische Aktion. Das finde ich toll.

Sprechen wir noch über Ihr Leben als Ordensfrau und Ihr Gelübde, gehorsam zu sein. Wie definieren Sie das heutzutage?

In unserer Ordensgemeinschaft sind wir uns gegenseitig gehorsam in dem Sinne, dass wir uns zuhören und nach Gesprächen gemeinsame Entscheidungen treffen. Und das kann dann auch schon mal eine Entscheidung sein, die anderer Auffassung ist als jene vom Erzbistum. Als Provinzoberin sehe ich mich als Geschäftsführerin, die im Team arbeitet. Wir haben die Aufgabe, unsere Gemeinschaft in eine gute Zukunft zu führen.

Welche Botschaft möchten Sie jungen Frauen heute mit auf den Weg geben?

Seid mutig. Geht euren Weg und macht euch unabhängig von dem, was euch von männlicher Seite vorgegeben wird, sei es hinsichtlich Aussehen, sexueller Orientierung oder Berufswahl. Schaut hin, wenn ihr Ungerechtigkeit seht, und erhebt eure Stimme. Ich komme selbst aus einer Familie, in der Mutter und Großmutter starke Frauen waren. Das hat mich und meine Geschwister geprägt. Es hat mich davor bewahrt, mich einfach zu unterwerfen und einen aufrichtigen Widerstand entwickelt.

Wie erleben Sie den Weltfrauentag in Südafrika?

Mit ganz anderen Herausforderungen als in Deutschland. In Südafrika gibt es eine hohe Zahl an Vergewaltigungen, die Rede ist von 170 am Tag, vermutlich die zweithöchste in der Welt. Das ist Wahnsinn. Es ist erwiesen, dass Projekte, in denen Frauen das Sagen haben, besser funktionieren, als wenn Männer sie leiten. Das Problem hier ist aber die riesige Korruption. Und Frauen haben kaum die Möglichkeit, sich vor Gewalt zu schützen. Das ist bitter. Interview: Christiane Mühlbauer

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