Der Dokumentarfilm »Rise up« will uns das Träumen neu lehren – indem er uns einschläfert.
»Im Kino habe ich sowas immer gerne geschaut, Filme über eine untergehende Welt«, bemerkt eine deprimiert-gelangweilte Frauenstimme, während im Bildvordergrund der Kadaver eines Gürteltiers verrottet. Es werde ein beispielloses Massensterben geben, »wenn die Forscherinnen Recht haben«. Irgendwann habe sie »einfach ›Ja‹ gesagt: ›Ja‹ zum Bürojob, ›Ja‹ zu Überstunden und zum grünen Gewissen, ›Ja‹ zu Amazon Prime, zum Hybridauto und zur offenen Wohnküche mit Brotbackautomat; ›Ja‹ zu nachhaltigen Aktien, zu Yoga und zum iPhone.«
Rise up ist ein Film gegen die kapitalistische, oder wie die Regisseurinnen und Regisseure es vermutlich ausdrücken würden, spätkapitalistische Misere. Das System hat uns um den Finger gewickelt. Wir, die globale Mittelschicht, kommen vom süßen Gift seiner Konsumversuchungen nicht mehr los. Dabei haben wir verlernt zu kämpfen und – noch wichtiger – zu träumen.
Diese Tugenden sollen uns die fünf Protagonistinnen und Protagonisten des Films wieder beibringen: Die Journalistin Marlene Sonntag, die sich der kurdischen Befreiungsbewegung in Rojava angeschlossen hat, die chilenische Aktivistin Camila Cáceres, Mitorganisatorin der Massenproteste, die Präsident Sebastián Piñera zu Fall brachten und den Weg für eine (fürs Erste gescheiterte) Verfassungsreform bereiteten und Kali Akuno von der Genossenschaft Cooperation Jackson, die im verarmten Jackson, Mississippi eine gemeinschaftliche Infrastruktur für die überwiegend Schwarze Bevölkerung aufbaut. Hinzu kommen die DDR-Bürgerrechtsbewegte Judith Braband, die für einen demokratischen Sozialismus anstelle der Vereinigung mit der BRD kämpfte, sowie Shahida Issel, die als Teil des südafrikanischen Widerstands das Apartheid-Regime zu Fall brachte.
Alle diese fünf Menschen sind beeindruckende Persönlichkeiten, die in emanzipatorischen Kämpfen über sich selbst hinaus gewachsen sind. Man muss nicht mit jeder einzelnen ihrer Thesen einverstanden sein, um aus ihren Erzählungen wertvolle Einsichten zu gewinnen. Akunos Warnungen etwa, dass die Liberalen im Ernstfall lieber mit der faschistischen Rechten als mit der sozialistischen Linken gemeinsame Sache machen, haben sich historisch immer wieder bewahrheitet; man muss nicht weiter zurückblicken als auf die wohlwollende Berichterstattung des Economist zum Amtsantritt Jair Bolsonaros oder die achselzuckende Gleichgültigkeit der westlichen Presse gegenüber dem Putsch in Bolivien. Braband und Issel schildern die Abläufe unvollendeter Revolutionen, die in neoliberalen Kompromissen endeten.
Alle fünf Figuren hätten ein ausführliches Portrait verdient. Hätte sich der Film darauf beschränkt, auch nur eine ihrer Geschichten nachzuerzählen, wäre ein bewegendes Zeitdokument entstanden. Alle fünf sind mitreißende, charismatische Erzählerinnen und Erzähler, ihre Geschichten sind oft dramatisch und ergreifend. Momente, in denen Sonntag am Grab eines gefallenen Genossen steht oder Issel berichtet, wie sie in politischer Gefangenschaft nur knapp einer Gruppenvergewaltigung entging, werden an keiner Zuschauerin und keinem Zuschauer spurlos vorübergehen.
Die Protagonisten sind nicht das Problem, die Mängel des Films liegen anderswo. Der flapsig-wehleidige Fatalismus der Erzählerin, der erst im Homeoffice klar wurde: »Deine Arbeit braucht keine Sau«, ist wohl als Kontrast zur Prinzipientreue und Opferbereitschaft der Protagonistinnen gedacht. Letztlich kann sich der Film aber nicht entscheiden, ob er die Schilderungen seiner Hauptfiguren in diese Rahmung bettet, um einen kohärenten politischen Aufruf zu formulieren, oder ob sich die Erzählerin lieber im Selbstekel suhlen soll. Neben der Lebensleistung der Porträtierten wirkt diese Begleitbehandlung nicht nur vollkommen deplatziert, sondern auch unfreiwillig komisch.
Der Mash-up von antikapitalistischen Allgemeinplätzen, unterlegt von einem Soundtrack, für den sich kein Flughafenbetreiber dieser Welt rechtfertigen müsste, erzeugt ein beklemmendes Gefühl der Fremdscham.
»Wenn ich sie sehe, sehe ich vor allem autoritäre Männer. Und sie hassen im Grunde: Frauen. Und Migranten. Also eine andere Art Frauen. Also Menschen, die für niedere Dienste zuständig sind. Eigentlich kaum mehr als Objekte, über die zu herrschen man berufen wurde. Angst trieft aus allen ihren Angriffen«, so die Analyse des Films über den Aufstieg der globalen Rechten. Verantwortlich für die Wiederkehr des Faschismus seien Fake News, die die Menschen übers Smartphone erreichen, denn »noch nie zuvor konnten Hirne so effektiv gegrillt werden«. Das Skript ist derart oberflächlich und verworren, man fühlt sich, als würde man betrunken auf einer Party zugelabert, obwohl man bloß nüchtern im Kinosessel sitzt.
Ob man diesen Gedankengängen nun zustimmt oder nicht, es fällt schwer, sie für voll zu nehmen, dabei ist das Thema eigentlich todernst. Nicht alle Einlassungen der Erzählerin sind derart plump, doch man wundert sich ob des Gesamteindrucks, welchen Mehrwert sie bringen sollen.
Der Film überlässt es der Zuschauerin, aus den Interviews mit den Protagonisten, aber auch aus all den larmoyant vorgetragenen Binsenweisheiten, Halbwahrheiten und frei assoziierten Politmeditationen politische Schlüsse zu ziehen. Insofern sich hieraus eine konkrete politische Aussage destillieren lässt, so scheint diese zu lauten: Wir brauchen von allem mehr – mehr Organisierung, mehr Streiks, aber auch mehr Militanz, mehr Prügeleien mit den Cops, mehr Fahnen, Body-Painting und Feuerwerk, mehr Musik und mehr Gänsehautmomente, die richtigen Vibes zur Revolution.
»Wir könnten dabei etwas wiederfinden, was uns bekannt vorkommt: ein Leben, von dem wir vergessen haben, dass wir es einst träumten«, so die Erzählerin. Rise up verspricht Abhilfe in Form eines Wiegenlieds, das uns in einen noch tieferen dogmatischen Schlummer versetzen soll. Organisationsformen, das Verhältnis zum Staat, praktische Details einer alternativen Gesellschaftsordnung – für Cáceres sind dies alles »technische Fragen«, die sich von selbst lösen werden. Wichtig ist allein die Bewegung – solange der Spirit stimmt, wird sie schon nicht vom Weg abkommen.
Die Geschichte des real existierenden Sozialismus und seines Scheiterns schrecke viele Menschen davon ab, sich auf einen »revolutionären Prozess« einzulassen, so Sonntag. Aber: »Der Kapitalismus scheitert jeden Tag«. Doch die Kriterien hierfür bleiben unklar. Kapitalistische Gesellschaften lassen täglich Menschen in den Randzonen der Weltwirtschaft verhungern und erfrieren. Dennoch erscheint dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystem der Mehrheit in den meisten Staaten der Welt als legitim, gerecht und natürlich oder zumindest als unveränderlich. Rise Up analysiert nicht, warum das so ist – der Film prangert dies lediglich an.
Man fragt sich an dieser Stelle, an wen sich Rise up eigentlich richtet. Dass Linksliberale mit Gewissensbissen und politisch Ungebundene unter Einfluss dieses Films tatsächlich dem System abschwören und zur Propaganda der Tat schreiten könnten, darf als unwahrscheinlich gelten.
Wenn dieser Film vor allem von Menschen gesehen wird, die von der Verkommenheit des Kapitalismus – und vielleicht sogar der Welt – bereits überzeugt sind, so vermittelt ihnen dieser Film die Botschaft: Der Mangel an Alternativen ist bloß ein Mangel an Willenskraft oder an »Mut«, wie der Film konstatiert.
Das wiederum wirkt wenig überzeugend. Der Fatalismus der Erzählerin scheint uns weismachen zu wollen: Die Kids kriegen das nicht mehr gewuppt, die Klimakrise und der Faschismus lassen sich nicht mehr aufhalten. Es gibt zu wenige Marlenes, zu wenige Camilas, zu viel Amazon Prime. Dass der Film dennoch versucht, auf einer optimistischen Note zu enden, wirkt wie ein schlechtes Alibi. Woher nehmen wir plötzlich den Mut, alles anders, alles besser zu machen, nach Jahrzehnten der Niederlagen? Indem wir Filme wie Rise Up schauen, scheint uns die Erzählerin nahelegen zu wollen.
Shahida Issel und Judith Braband wirken in diesem Licht nicht mehr wie Vorbilder, sondern wie lebendige Mahnmale, die mit kampfgeschärften Augen in eine düstere Zukunft blicken. »Ich würde mich einfach erschießen, wenn ich den Glauben hätte, nichts mehr ändern zu können. Das geht nicht. So könnte ich nicht leben«, bemerkt Braband beim Pilzesammeln zu Beginn des Films. Wir alle haben Inspirationsquellen für eine bessere Zukunft bitter nötig. Rise up taugt nur bedingt dafür.