Shoppen ohne Geld - hier ist es möglich

2023-03-08 16:20:48 By : Ms. Sunny Pan

Eine Bahnreisende, auf der Suche nach einem Kaffee, geriet per Zufall in die stöbernde Menge am Tuttlinger Bahnhof. Sie fand eine Lederhandtasche, die zu ihrem Mantel passte, und fragte nach dem Preis. Dass die schöne Tasche nichts kosten sollte, passte nicht in ihr Weltbild.

Also öffnete sie ihren Koffer, zog eine elegante schwarze Bluse daraus hervor und legte sie auf den Tisch zu den Oberteilen. „Sie passt mir sowieso nicht mehr so gut“, erklärte sie und eilte, den Schatz unterm Arm geklemmt, zu ihrem Anschlusszug.

So beschreibt Christine Leutkart eine Szene bei der Kleidertauschbörse, die im Oktober im Tuttlinger Bahnhof stattfand. Sie hatte sie für den Kulturverein Kukav organisiert. Das Konzept: Klamotten bringen, andere Klamotten wieder mitnehmen. 

Die Modebranche gaukelt uns vor, dass wir ständig was Neues brauchen.

Am Freitag, 10. März, steht nun wieder eine Kleiderbörse an. Andere Organisatoren, anderer Ort, und mit Geld und Kasse, das Prinzip ist aber das Gleiche: Gut erhaltene Kleidung, die nicht mehr passt, wenig getragen wird oder einfach keinen Platz mehr im Kleiderschrank hat, findet neue Besitzer.

Angebote dieser Art werden mehr, und das hat einen Grund: Second–Hand liegt im Trend. Der Gebrauchtwarenmarkt auf Plattformen wie Ebay, Vinted oder Shpock boomt, und das nicht nur bei Schnäppchenjägern, sondern auch bei allen, die der Wegwerf–Mentalität etwas entgegensetzen wollen.

„Es gibt so viel Kleidung im Überfluss“, kritisiert Marina Maienschein, Organisatorin der Second–Hand–Börse, die einmal jährlich im Gemeindehaus an der Gartenstraße stattfindet. „Die Modebranche gaukelt uns vor, dass wir ständig was Neues brauchen“, sagt sie.

Nachhaltigkeit zum einen, der Blick auf den Geldbeutel zum anderen: „Man kann sich für wenig Geld komplett neu einkleiden“, ist sie von Second–Hand–Angeboten überzeugt. Ihre beste „Eroberung“: Ein schickes, nur wenige Male getragenes Kleid zum Neupreis von rund 200 Euro, das sie für 15 Euro erstand. Auch manch ein schönes Oberteil liegt in ihrem Schrank, „gekauft für höchstens drei Euro“, wie sie erzählt.

Besonders „Fast Fashion“ ist inzwischen zum Problem geworden. Weil Trends in der Mode schnell wechseln, landen Klamotten oft nach kurzer Zeit schon im Altkleidercontainer. Doch die wenigsten sind gut genug, um weiter getragen zu werden. Oft werden die Altkleider ins Ausland verkauft, manchmal noch zu Putzlappen verarbeitet. Teilweise werden sie sogar verbrannt.

Für die Kleiderläden der Diakonie und des DRK in Tuttlingen ist Second–Hand–Mode seit Jahren Alltag. Dort werden gespendete Kleidung, Bücher, Haushaltswaren und Spielzeug verkauft. In erster Linie an Menschen, die wenig Geld zur Verfügung haben.

Inzwischen kämen aber auch immer wieder Leute, „die es nicht unbedingt nötig hätten“, sagt Heike Dürnberger, Leiterin des Diakonieladens, und das findet sie gut so. „Sonst könnten wir uns nicht halten“, meint sie. Wer es sich leisten könnte, zahle auch mal ein, zwei Euro mehr, und auf die Einnahmen sei der Laden angewiesen.

Auch selbst kauft sie gern die gebrauchte Ware. „Wir leben in einer Wegwerf–Gesellschaft, da ist das doch eine super Sache“, findet Dürnberger.

Ähnlich sieht es Fatma Inan aus dem DRK–Kleidershop in der Tuttlinger Innenstadt. „Wir leben im Überfluss“, meint sie. Es müsse nicht immer was Neues sein. Dass einige Vorbehalte gegenüber gebrauchter Kleidung haben, kann sie nicht nachvollziehen.

Klar, manche Dinge kaufe man lieber neu, Unterwäsche zum Beispiel. Aber Hosen, Röcke, Mäntel, Anzüge? „Wir haben nur gute Ware“, versichert sie. Alles, was in den Verkauf komme, werde vorher kontrolliert. Verschlissene Klamotten, auch solche mit kleinen Löchern, würden aussortiert.

„Einige meiner Lieblingskleider sind Second–Hand“, sagt Christine Leutkart. Sie hat die Kleidertauschbörse im Bahnhof organisiert, und unter anderem die schwarze, elegante Bluse der Spontanbesucherin ergattert. Auch bei anderen Gelegenheiten freut sie sich, „wenn man ein Stück findet, das es schon längst nicht mehr neuwertig zu kaufen gibt“, erzählt sie.

„Und noch größer ist die Freude, wenn man ein Kleidungsstück an einer anderen Person wieder entdeckt.“ Die Bluse zu tragen, dafür hatte sie übrigens noch keine Gelegenheit. Gut möglich also, dass sie bei der nächsten Tauschbörse wieder auf dem Tisch landet. Die ist voraussichtlich im Mai.

Eine Second-Hand-Börse für Jugendliche und Damen findet am Freitag, 10. März, von 17 bis 19 Uhr im Evangelischen Gemeindehaus statt. Gleichzeitig gibt es dort auch einen Bücherflohmarkt. Kurzentschlossene können unter der E-Mail-Adresse [email protected] auch noch eine Verkaufsnummer beantragen.

Sowohl im Diakonieladen als auch im DRK-Kleidershop werden derzeit ehrenamtliche Helfer gesucht. Wer sich vorstellen kann, stundenweise mitzuhelfen, kann sich unter den Telefonnummern 07461/5020 (Diakonie) oder 07461/17870 (DRK) melden.